„Got Milk“ ist so ähnlich wie die Fliegen-Folge von Breaking Bad, nur eben mit Drohnen. Es ist ein Porträt von Isolation, wachsender Besessenheit und Verzweiflung, getragen ganz von Rhea Seehorn.
Wir haben Rhea Seehorn viel zu verdanken, aus offensichtlichen Gründen, aber einer der wichtigsten ist, dass sie eine ganze Folge von Pluribus im Alleingang trägt. Natürlich hat sie den Großteil der Staffel bisher getragen, aber immer als Teil einer größeren, sich entwickelnden Idee, die für sich genommen schon fesselnd ist. In Folge 5, „Got Milk“, trägt sie die Folge allein, weil sonst nicht viel passiert. Es ist ein bisschen wie die Fliegen-Folge in Breaking Bad, nur eben mit Drohnen, was bedeutet, dass es durchaus möglich ist, unsere Evolution als Spezies anhand dessen nachzuzeichnen, was einsame, verzweifelte Menschen in Vince Gilligans Serien am meisten beschäftigt.
Seehorns Brillanz hervorzuheben ist ausnahmsweise auch ein zweideutiges Kompliment. Ohne sie würde „Got Milk“ meiner Meinung nach wirklich nicht funktionieren. Am Ende gibt es eine Enthüllung, oder zumindest den Anschein einer solchen, doch die Aufklärung der wahren Hintergründe rückt in den Hintergrund, während Carols psychischer Zustand immer weiter abrutscht. Seehorn ist dann Gut ist hier, dass dadurch die Schwäche der Folge an sich verschleiert wird.
Immerhin ist es eine logische Konsequenz des vorherigen Cliffhangers, in dem Carol die Anderen zu weit getrieben hat.
Sie entführte und betäubte Zosia
und brachte sie dabei beinahe um, in der Hoffnung, herauszufinden, ob die Union rückgängig gemacht werden könnte. Infolgedessen wurde Carol ausgeschlossen. Die Aliens kümmern sich zwar noch um ihre Gefühle, brauchen aber etwas Abstand. Es ist eine sehr amüsante Idee, da sie impliziert, dass Carol so nervtötend ist, dass selbst ein außerirdisches Kollektivbewusstsein, das sich ganz ihrem Glück verschrieben hat, ihrer überdrüssig werden kann. Diese Information erreicht Carol per SMS, nachdem sie im Krankenhaus eingeschlafen ist, während sie auf Neuigkeiten zu Zosias Zustand wartet. Sie wacht auf und findet das Gebäude leer vor. Man könnte meinen, es handle sich um einen Scherz auf Kosten eines vorgetäuscht besorgten Kundenservice. Doch Carol ist nun zum ersten Mal wirklich allein. Sie rennt zum höchsten Gebäude, das sie finden kann, und sieht die Anderen, wie sie Albuquerque in einem Konvoi von Rücklichtern verlassen und in der Ferne verschwinden. Carol hat endlich bekommen, was sie sich gewünscht hatte, gerade noch rechtzeitig, um zu erkennen, dass sie es wohl doch nicht wollte.
Die völlige Isolation treibt Carol fast in den Wahnsinn. Sie versucht, das Beste aus der Situation zu machen, indem sie eine Nachricht für die anderen Immunen aufnimmt und die Anderen anweist, diese abzuholen, Untertitel für Nicht-Englischsprachige hinzuzufügen und sie auszustrahlen. Sie tun dies, schicken aber eine Drohne, um die Aufnahme abzuholen – eine komisch unpersönliche Geste, die nicht unbemerkt bleibt. Carol hatte offensichtlich einiges nicht vorhergesehen. Zum einen ist sie in der Abwesenheit der Anderen nicht völlig allein; all ihre Gedanken und Erinnerungen bleiben bei ihr, weshalb sie es nicht wagt, die kalte Seite von Helens Bett anzusehen. Und das setzt voraus, dass sie überhaupt einschlafen kann, was ihr nicht gelingt, da der Stromausfall in der Nachbarschaft hungrige Wölfe in den Hinterhof gelockt hat – was zwar keine Metapher ist, aber wohl trotzdem so interpretiert werden könnte.
Carol ist sich dessen stets bewusst. Pluribus In Folge 5 verlässt sich Carol fast bei jedem Problem auf die Hilfe der Anderen. Sie muss sie rufen, um das Licht wieder einschalten zu lassen und den Müll abzuholen. Dafür ruft sie eine weitere Drohne herbei, die den riesigen Müllsack nicht heben kann und ihn dabei verschüttet. Nach einer Weile gehen ihr die Aufnahmen, die präzisen Anweisungen und die fehlende Garantie auf Applaus auf die Nerven. Stattdessen konzentriert sie sich auf die überraschend vielen Milchkartons, die sie vor Ort findet. Diese führen sie zu einer örtlichen Molkerei, die – wie der Rest von Albuquerque – völlig verlassen ist. Alle Milchkartons enthalten eine bernsteinfarbene Flüssigkeit aus Wasser und einem weißen Pulver. Carol führt einige Tests durch und entdeckt dabei urkomische, banale Dinge: Die Flüssigkeit ist geruchlos, hat eine Konsistenz ähnlich wie Olivenöl und einen völlig neutralen pH-Wert, ähnlich dem von Sellerie. Es ist einfach nur witzig, wie Carol diese völlig absurden Erkenntnisse in einer weiteren Videobotschaft festhält, als würde sie eine große Verschwörung aufdecken. Die Anderen schicken gehorsam eine Drohne, um die Milch zu bergen, doch es bleibt abzuwarten, ob sie sie tatsächlich jemandem zustellen werden.
So steril „Got Milk“ manchmal auch wirken mag, es birgt einen emotionalen Kern. Als die Wölfe zurückkehren und versuchen, Helens Leiche aus ihrem flachen Grab im Garten auszugraben, verscheucht Carol sie, hält die ganze Nacht Wache und bedeckt anschließend die gesamte Fläche mit Mosaiken und bemalt einen individuellen Grabstein. Carols Handeln mag, losgelöst vom Kontext, mitunter recht amüsant sein, doch wenn man bedenkt, warum sie es tut, schwingt etwas still Erschreckendes und zutiefst Trauriges mit. Pluribus scheint in diesem Spannungsfeld zu gedeihen.
